Undergroundmusikszene Istanbul

Der iranische Taxifahrer, der mich zu meinem Flug nach Istanbul bringt, erzählt mir, dass sämtliche Freunde in seinem islamischen Herkunftsland hingerichtet worden sind. In der Metropole Istanbul mit ihrer kulturellen Vielfalt besitzt er jedoch mit seiner Familie eine Wohnung, in der er sich wohlfühlt.
Mir geht der in Deutschland immer mehr dominierende Begriff des „politischen Islams“ durch den Kopf.

Nach meiner Ankunft erlebe auch ich in der Blauen Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee) einen Islam, der sich weltoffen und tolerant präsentiert. In direkter Nachbarschaft befindet sich die alte byzantinische Kirche Ha­gia So­phia mit zahlreichen Touristen. Deutsche scheint es hier weit und breit nicht zu geben. Die Propaganda des „politischen Christentums“ hat offenbar ihre Wirkung nicht verfehlt.

Karga-MagazinKostenloses Monatsmagazin des Undergroundclubs Karga

Im Musikclub Peyote im Istanbuler Stadtteil Beyoglu am 24.05.18 ist Islam kein Thema. Mit dem freundlichen Mitarbeiter an der Tür unterhalte ich mich über Schamanismus und die Karga Bar auf der asiatischen Seite des Bosporus. Mit seiner Punkband Poster-iti war er auch schon auf Deutschland-Tour und wurde von der örtlichen Polizei wegen Besitzes von einer geringen Menge Marihuana in Haft genommen.

Die Szene ist sehr klein in Istanbul. Nicht mehr als 30 Leute kommen in den winzigen Club mit Bar und kleiner Bühne sowie einer weiteren Bar mit DJ-Pult im Obergeschoss. Nach einem DJ-Set spielen Dahakara ihren psychedelischen Mix aus Industrial und Electronic Rock vor einer Videoleinwand (Eintritt ist frei).
Mit einigen auftretenden Bands hat der „Peyote“ (teilweise meskalinhaltige Kakteenart bzw. das darin enthaltene Rauschmittel) auch CDs produziert (Peyote Müzik-Label). Zuletzt mit Softa, deren Sängerin Ece Özey Psychedelic Punk mit türkischen Texten verbindet.

SoftaCoverdesign der CD Hunili Ayin von Softa (2013)

Zwei Tage später bin ich in einem mehrstöckigen alten Haus in Kadiköy auf der anderen Seite des Bosporus. Das „Karga“ (Türkisch für „Krähe“) bereitet sich gerade im obersten Stockwerk auf ihre „Brutal Fence Night“ mit der Black Metal-Band Persecutory und zwei Death Metal-Bands vor. Nein, so eine Veranstaltung ist anderswo in Istanbul nicht so leicht denkbar, meint der Mitarbeiter dort lachend zu mir.
Zumal die antichristliche Haltung des Black Metals aus dem christlichen Kulturkreis in islamischen Ländern naturgemäß eine antiislamische Ausrichtung annimmt (siehe „The Arabic Anti Islamic Legion“).
Aber kargART aus Kadiköy können auch verstörende Kunstausstellungen sein (z. B. Bilder von Alaca Katarsis).

Ece ÖzeyFoto von Ece Özey

Links:
Dahakara – Broken Tower (Videoproduktion von Arif Akdenizli)
https://www.youtube.com/watch?v=dyNQ7N3ksYs
Freie Downloadseite der Karga Bar mit verschiedenen Kompilationen
http://www.karga.com.tr/dukkan

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