Ausstellung „Das verdächtige Saxophon“ in der Synagoge Beith-Schalom in Speyer

Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich. Wo gegenwärtig Muslime mit verächtlichen Karikaturen angegriffen werden (Satirezeitschrift Charlie Hebdo), gab es im Dritten Reich die entsprechenden Karikaturen der unabhängigen Wochenzeitung „Der Stürmer“ zum Judentum. Damals wie heute wurde auch gerichtlich das Rechtsgut der Pressefreiheit für die Verbreitung von offenem Rassismus bestätigt.

Doch „die Judenfrage“ wurde im Bewusstsein des deutschen Kleinbürgers gelöst und damit den noch hier lebenden aschkenasischen Juden der traditionsreichen Gemeinde in Speyer (eine der ältesten Städte Deutschlands) eine denkwürdige Ausstellung zum Nationalsozialismus ermöglicht: „Das verdächtige Saxophon – „Entartete Musik“ im NS-Staat“ vom 27. Januar bis zum 11. Februar 2015  im Gemeindesaal der Synagoge Beith-Schalom.

Synagoge Beith-Schalom73 Jahre nach der „Reichskristallnacht“ 1938:
Einweihung der neuen Synagoge Beith-Schalom in Speyer (2011)

Die Ausstellung „Das verdächtige Saxophon“ ist eine kommentierte Rekonstruktion der NS-Propagandaausstellung „Entartete Musik“ aus dem Jahre 1938. Ein Jahr zuvor war in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ inszeniert worden. So kam der Reichskultursenator und fanatische Nationalsozialist mit dem honorigen Namen „Staatsrat Dr. Hans Severus Ziegler“ dazu, während der Reichsmusiktage in Düsseldorf seine Ausstellung gegen „Negerkultur“ und „das volkstumfremde Element des Judentums“ zu organisieren.
Diese „Praktische Kulturarbeit im Dritten Reich“ (Ziegler im Eher Verlag der NSDAP) mit rechtsextremer Ausrichtung konnte der Reichskultursenator auch nach 1945 ungehindert bis zu seinem Tod im Jahre 1978 fortsetzen.

Entartete MusikPressefreiheit im Jahre 1938:
Ausstellungsbroschüre „Entartete Musik“

Erstmals wurde die von Albrecht Dümling rekonstruierte NS-Ausstellung zur „Entarteten Musik“ 1988 in der Düsseldorfer Tonhalle gezeigt. Inzwischen ist sie weltweit in zahlreichen Städten zu sehen gewesen.
Die rassistische Karikatur auf dem Plakat und der Ausstellungsbroschüre 1938 ist symptomatisch für die nationalsozialistische Musikpolitik: Neben jüdischen Komponisten (z. B. Kurt Weill, Arnold Schönberg) wird vor allem das Saxophon (und damit seinerzeit die verschiedenen Jazz-Einflüsse in der Musikszene) als „Neger- und Judeninstrument“ gebrandmarkt. So gehört auch die Verfolgung jugendlicher Swing-Fans in deutschen Großstädten wie Hamburg zur Geschichte des Dritten Reiches.

„Das verdächtige Saxophon“ in Speyer zeigt aber auch anhand der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus auf, warum selbst lange nach dem NS-Staat noch Musikkulturen in Deutschland als „Negermusik“ beschimpft werden (Rock ’n‘ Roll in der Nachkriegs-BRD) oder staatlicher Verfolgung ausgesetzt sind (Punkszene in der späten DDR).
Der Begleitband von Albrecht Dümling ist zeitgleich zur Ausstellung „Das verdächtige Saxophon“ in einer Neuauflage im ConBrio Verlag erschienen. Im Rahmenprogramm der Jüdischen Kultusgemeinde befindet sich auch ein Vortrag von ihm zur NS-Propagandaausstellung von 1938.

Links:
Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz
http://www.jkgrp.de
Das verdächtige Saxophon – „Entartete Musik“ im NS-Staat
http://www.das-verdaechtige-saxophon.de

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