„Queercore – How to Punk a Revolution“ im Murnau-Filmtheater in Wiesbaden

Das Murnau-Filmtheater in Wiesbaden hatte am 1. Juni 2018 eine Dokumentation zur Entstehung des „Queercore“ in der Punkszene im Programm (Eintritt 7,– EUR). Filmregisseur Yony Leyser beschreibt, wie aus dem pornografischen Fanzine J.D.s von Bruce LaBruce und G.B. Jones eine Community innerhalb des Punks entstand, deren Aktivisten Ablehnung durch Schwule und Punks gleichermaßen erlebten.

J.D.s wurde im kanadischen Toronto ab 1985 herausgegeben. Es prägte Begriffe wie „Homocore“ oder „Queercore“, die eine Inspiration für Punks waren, die schwule Konventionen (Discomusik, gepflegte Kleidung etc.) ebenso wie Punk-Konventionen (Machoverhalten, Alkoholexzesse, Hochzeitspartys etc.) ablehnten.

QueercoreEine Randerscheinung in der prüden Punkszene:
Queercore hat sexuelle Themen

Die Queercore-Bands, die sich gründeten, provozierten mit offensiv-sexuellen Texten und Oralverkehr auf der Bühne. Bei einer Gay-Pride-Parade wurde ein als Polizeiauto angemaltes Fahrzeug mit Stöckelschuhen demoliert.

Mit rasanten Schnitten führt der amerikanische Filmregisseur durch Konzertbilder und Queercore-Statements (Jayne County, Genesis P-Orridge, Bikini Kill, Gossip etc.) zu den „Riot Grrrl“-Feministinnen und Electroclash von Peaches. Aber er bleibt doch in seinem Blickwinkel zu sehr in den USA und Kanada hängen.

CrassCoverdesign der LP „Penis envy“ von Crass
(1981 veröffentlicht, in Großbritannien strafrechtlich verfolgt)

Bei dem Filmthema vermisse ich zum Beispiel die Tom Robinson Band aus der britischen Punkbewegung mit ihrer Hymne „Glad to be gay“ (1978). Auch die Anarcho-Punkband Crass mit ihren beiden Sängerinnen Joy de Vivre und Eve Libertine („Jesus died for his own sins. Not mine.“) ist feministisch, antichristlich und durchaus „queer“.
Und warum das russische Kollektiv Pussy Riot, das sich direkt auf Riot Grrrl bezieht, keine Erwähnung findet, ist schon schwer zu beantworten. 2012 wurden die Frauen mit ihrem politischen „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale und der anschließenden Inhaftierung international bekannt.

Dies ist allerdings der einzige Kritikpunkt zu dem Dokumentarfilm von Yony Leyser. Denn der Film hat die mitreißende Virtuosität eines furiosen Punksongs.

Links:
Filmtheater der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
https://www.murnau-stiftung.de/filmtheater

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